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Original-Radsatz der NEB-Vorläuferbahn aufgetaucht
Pünktlich zum bevorstehenden Jubiläum "125 Jahre Niederbarnimer Eisenbahn" bzw. zu deren Vorgänger-Bahngesellschaft "Reinickendorf-Liebenwalde-Groß Schönebecker Eisenbahn" kam bei uns ein besonderes Stück Eisenbahngeschichte an:
Ein Radsatz mit einer Originalen Radsatzwelle von dieser Vorgänger-Bahngesellschaft!
Wir hatten einen Tausch von Radsätzen und Abgabe von anderen Teilen mit der "Initiative Sächsische Eisenbahngeschichte e.V.“ (ISEG) vereinbart. Dazu war es wichtig, sich die Teile gegenseitig per Fotos darzustellen und fernmündlich zu erläutern, um langes Reisen hin und her zu ersparen.
Hierbei nun stellte sich heraus, dass der eine für uns bestimmte Radsatz auf dem Wellenbund folgenden Einschlag hatte: "R.L.Gr.Sch.Eisenb.".
Da hat es dann geklingelt! "Reinickendorf-Liebenwalde-Groß Schönebecker Eisenbahn", dafür stand diese Abkürzung!
Das ist die Vorgänger-Bahn der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB). Die Umbenennung erfolgte 1927.
Ein originales Stück dieser Eisenbahn soll nun unser Heidekrautbahn-Museum bereichern.
Was hat es mit den anderen eingeschlagenen Zeichen auf sich?
Die beiden verschlungenen Buchstaben "L" und "H" stehen für den Hersteller. Hier gibt es noch nichts Sicheres; mit hoher Wahrscheinlichkeit stehen diese Zeichen für "Lauchhammer-Hütte" oder "Linke-Hofmann [Lauchhammer])“. Im Rahmen der späteren wirtschaftlichen Konzentration der Eisenbahnfahrzeug-Hersteller zu Ende der 1920er Jahre fanden diese sich unter dem Dach der "Linke-Hofmann-Busch Werke" wieder. Zu dieser Gruppe gehörte dann ab 1928 auch der Hersteller des Wagens, die "Sächsische Waggonfabrik Werdau AG ". Andere Quellen verweisen auf das Walzwerk Herminenhütte Laband O.S., das später auch zur Linke-Hoffmann-Lauchhammer-Gruppe gehörte.

Was sagen uns die Schlagstempel auf dem Wellenbund noch?
Im unteren Feld des Wellenbundes findet sich die Nummer "245". An dieser Stelle steht üblicherweise die Radsatznummer. Da es aber ein Privatbahn-Radsatz ist, siehe das sehr schwach geschlagene "P" in der rechteckigen Umrahmung links, wurde hochwahrscheinlich davon abgewichen: Es dürfte die Wagennummer sein, zu welcher der Radsatz gehört.
Die Radsatzwelle ist 1924 aus der Schmelzen-Nummer 5125 hergestellt worden und trägt den Abnahmestempel vom 12.9.24. Der Zusammenbau zu einem Radsatz (das Fügen, also das Aufpressen der Radscheiben sowie das Aufschrumpfen der Radreifen) ist im Jahre 1925 bei der Firma "Mittelstahl" (MS) geschehen. Ob die Radscheiben noch die originalen sind, wird sich erst bei weiteren Nachforschungen herausstellen.
Und der Wagen 245 der Reinickendorf-Liebenwalde-Groß Schönebecker Eisenbahn wurde von der Waggonbau Werdau/Sachsen AG im Jahre 1926 geliefert. Das passt also zeitlich gut zusammen. Es war nach Opravil ein BCi, also ein Wagen mit 2. und 3. Wagenklasse. Dem steht allerdings das Werkfoto aus der selben Quelle entgegen, in welcher er vollständig als 2. Kl.-Wagen beschildert ist.
Er gehörte schon zu den eisernen Wagen des Einheitsbaues, mit Stahluntergestell und eisernen Säulen und genieteter Verblechung, aber noch mit Holzdach und Drell-/Firnis-/Besandungs-Eindeckung, später Dachpappe.
Sechs Stück der Gattung Ci, also reine 3. Klasse-Wagen dieser Bauserie, gab es schon von 1923 her (Wagen 238 bis 243), diese waren noch mit Holzaufbau, beblecht, und mit Sprengwerk am Untergestell. Nun kamen 1926 noch die beiden BCi (oder Bi gemäß Foto) mit den Wagennummern 244 und 245 dazu. Hatten die Ci 68 Plätze in einem Großraum, so gaben die BCi (oder Bi) nur 20 Plätze in dem einen Abteil und 24 Plätze im anderen her. Alle Wagen waren mit einlösiger Westinghouse-Bremse mit 10"-Zylindern ausgestattet und hatten einen Abortraum. Anders als seine Reichsbahn-„Kollegen“ hatte der Wagen 245 einen Achsstand von 8,00 m und eine Länge von 13,50 m. Der Wagen war mit Gasleuchten ausgestattet, unter dem Wagen hing dazu der lange Gastank.
Der Wagen 245 bekam 1950 bei der Eingliederung des Fahrzeugparks der NEB in die DR die Wagennummer 98846, mit Einführung der Stammnummern ab Ende der 50er Jahre die Wagennummer 310-807. Es ist bekannt, dass der Wagen zwischen Mitte 1963 und Ende 1964 zu einem zweiachsigen Rekowagen umgebaut worden ist, leider ist die Wagennummer dieses Rekowagens nicht bekannt.
Der einzige als erhalten bekannte Wagen 238 ist zum Eisenbahnmuseum Gramzow/Uckermark gekommen und nach mustergültiger Aufarbeitung heute dort im Betrieb.
Wie kommt es nun, dass auch ein einzelner Radsatz der Reinickendorf-Liebenwalde-Groß Schönebecker Eisenbahn erhalten geblieben ist?
Eisenbahn ist in der Herstellung teuer. Bevor man Fahrzeuge oder Teile ausmustert, wird immer geprüft, ob durch Aufarbeitung eine weitere Einsatzfähigkeit hergestellt werden kann. Dabei kann es auch Herabstufungen der Leistungsfähigkeit geben, z.B. Ablastungen der Tragfähigkeit eines Radsatzes oder der Geschwindigkeit. Dies hat die DR der DDR vor allem bei denjenigen Radsätzen gemacht, die zu Bauarten nach Länderbahnmuster gehören (wie unser Radsatz mit dem Schlagstempel „R“ [entspr. Musterblatt C1 des ehem. Deutschen Staatswagen-Verbandes]), oder bei denen die Informationen auf dem Wellenbund durch "Bekanntschaft" mit dem Achslagergehäuse-Deckel weggeschliffen waren. Diese Radsätze wurden nach einem Kriterienkatalog geprüft und in Verwendungskategorien eingestuft: "A" für 14 t Achslast, "B" für 16 t und "C für 18 t. Unser spezieller Radsatz hat die Kategorie "B" zugewiesen erhalten. So wird es im Zuge der Ausmusterung des Wagens 245 gewesen sein.
Der Radsatz fand sich dann zur Weiterverwendung im Rahmen dieser Stufennutzung daraufhin in einem Bauzug-Wohnwagen wieder (Wagenummer 79-31-17 der DR), der aus einem alten geschlossenen Güterwagen der Bauart G 02 entstanden war.
Die Kollegen der ISEG sahen ihn im Jahre 2002 auf den Gleisen in Dresden Alberthafen und ließen ihn 2021 nach Dresden-Friedrichstadt verbringen. Dort wurde der Wagen von seinen Holzteilen befreit und es wurden die Radsätze geborgen.
Nun ist mit diesem Radsatz noch ein weiteres Originalstück der Geschichte der NEB und ihrer Vorgänger-Eisenbahn aufgetaucht, und dieser Radsatz wird im Heidekrautbahn-Museum ausgestellt werden. Das ist bereits in einer provisorischen Form anlässlich der Festivität zum Jubiläum "125 Jahre Niederbarnimer Eisenbahn" am 06. Juni 2026 geschehen.





